Der Domino Efekt

Was haben wir damit zu tun, wenn Häuschen-Besitzer in den USA ihre Kredite nicht zurückzahlen können?
Eine ganze Menge, wie man sieht: Wir Steuerzahler müssen Milliarden für die Rettung deutscher Banken ausgeben. Wir müssen um unsere Geldanlagen fürchten,manche sind schon futsch. Wir haben Angst um unsere Ersparnisse. Die Krise ist wie eine reihe kippender Dominosteine zu uns gelangt. Als der erste Stein im letzten Jahr fiel, haben wir es kaum mitbekommen. Heute müssen wir zittern.Nachfolgend die fallenden Dominosteine:
Stein 1
Alles fing ganz harmlos an: Wer sich vor 15, 20 Jahren in den USA ein Häuschen kaufen wollte, bekam dafür günstige Kredite von den Banken.
Beratung? Nebensache. Mit der Überprüfung ihrer Kunden nahmen es die Banken nicht mehr so genau wie früher. Auch nicht mit der Prüfung, ob das Häuschen oder die Wohnung überhaupt so viel Wert waren, wie der Käufer dafür zahlen sollte. Die Bankmanager dachten: Hauptsache, wir sind im Hypothekengeschäft. Das bringt nämlich viel mehr Gewinn, als die Sparbücher von Kleinsparern zu verwalten. Zumindest erst mal.
Die Geschäfte gingen ab wie eine Rakete. 2007, zu Beginn der Krise, hatte der US-Geld- und Kreditsektor einen Anteil von 14 Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung, erzielte sogar 33 Prozent aller Unternehmensgewinne, brachte dem US-Staat erhebliche Steuereinnahmen. Die Immobilienpreise waren astronomisch gestiegen.
Stein 2
Doch eine solide Zukunftsplanung sieht anders aus. Natürlich waren wegen der laschen Prüfungen eine Menge Bankkunden dabei, die sich finanziell übernommen hatten. Die ihre Raten nicht mehr zahlen konnten. Die Hypotheken platzten. Und zwar massenweise.
Heute stehen Immobilienkredite in Höhe von unvorstellbaren 11.000 Milliarden Dollar aus, fast so viel wie die Leistungsfähigkeit der gesamten Wirtschaft der USA in einem Jahr.
Der zweite Dominostein kippte. Denn weil immer mehr zahlungsunfähige Immobilienbesitzer ihr Häuschen verkaufen müssen, rauschen die Preise für Haus und Grund in die Tiefe.
Heute stehen 18 Millionen Einfamilienhäuser und Wohnungen in den USA leer. Wer sein Haus verkauft, bekommt viel weniger, als er bezahlt hat. Die Immobilien decken nicht mehr die Hypothek, mit der sie bezahlt wurden. Faule Kredite nennt man so etwas.
Stein 3
Jetzt hatten die Banken ein Problem. Weil sie ihr Geld nicht zurück bekamen, waren viele von der Pleite bedroht. Vor allem diejenigen, die sich ausschließlich auf das Hypothekengeschäft konzentriert hatten.
Eine Bankenpleite hat gravierende Folgen: Wer Aktien einer Pleitebank besitzt, ist sein Geld los. Viele Sparer haben Angst um ihr Sparbuch. Weil sich Banken untereinander in großem Stil Geld leihen, geraten weitere Kreditinstitute in den Strudel. Banken, die gestern noch als Musterknaben galten, können heute schon pleite sein.
Wegen unabsehbarer Wirkungen einer Bankenpleite greift der Staat ein. Nach der Devise: Lieber Steuergelder ausgeben als eine Krise, die außer Kontrolle gerät.
Stein 4
Aber warum müssen wir in Deutschland zittern, nur weil Amerikaner ihr Häuschen nicht bezahlen können?
Das liegt daran, dass die US-Banken die faulen Hypotheken weltweit verkauft haben. Dazu haben sich hochbezahlte Finanzjongleure mit zweistelligen Millionengehältern feine, neue Geschäftsmodelle ausgedacht.
Die gingen etwa so: Ich habe hier einen Kredit, da muss der Kunde 100.000 Dollar zurückzahlen. Ich verkaufe ihn dir für 80.000 Dollar. Zahlt der Kunde zurück, machst du 20.000 Dollar Gewinn, trägst dafür aber auch das Risiko - ein Finanzpaket, das viele schick fanden.
Und weltweit griffen Banken und Investoren zu, weil sie an hohe Gewinne glaubten - auch in Deutschland. Am Ende wusste niemand mehr so genau: Wo ist jetzt die Hypothek von Jim XY aus New York, der gerade pleite gegangen ist? Und wer muss für das Risiko geradestehen?
Stein 5
Und die Finanzjongleure erfanden immer neue Geschäftsmodelle. Zum Beispiel die so genannten Leerverkäufe.
Die funktionieren so: Sie haben Wertpapiere im Wert von derzeit 10.000 Euro. Die leihe ich mir von Ihnen gegen eine Gebühr von, sagen wir, 500 Euro für drei Tage. Dann verkaufe ich die Papiere, streiche 10.000 Euro ein. Wenn ich Glück habe und der Kurs fällt, kann ich sie an der Börse zurückkaufen, sagen wir für 9000 Euro. Macht einen Gewinn von 1000 Euro minus die Leihgebühr von 500 Euro.
Das Fatale: Ich verdiene an der Krise. Volumen solcher oder ähnlicher Wetten: gigantische 596 Billionen Dollar.
Stein 6
Weil keine Bank das Geld, das sie an ihre Kunden verleiht, allein aufbringen kann, muss sie sich bei anderen Banken etwas leihen. Das geht jetzt kaum noch: Kaum eine Bank gibt einer anderen Geld. Denn wer möchte schon als Deppenbank dastehen, wenn die andere Bank morgen pleite geht und das Geld futsch ist?
Wie z. B. die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die der US-Pleitebank Lehman Brothers noch mal eben 300 Millionen Euro überwies, als die schon Insolvenz angemeldet hatte. Weil Banken untereinander kaum noch Geld verleihen, ist immer häufiger der Staat mit seiner Notenbank gefragt.
Stein 7
Wenn sich schon die Banken untereinander nicht mehr vertrauen - warum soll ich als Privatkunde meiner Bank noch trauen? Eine Frage, die sich jetzt viele Sparer stellen. Wenn die sich jetzt alle sagen: Das Geld ist wegen der Gefahr einer Bankenpleite unterm Kopfkissen sicherer, und alle heben ihre Ersparnisse ab, ist das das Ende unseres Finanzsystems.
Denn so viel Geld könnten die Banken nicht aufbringen. Deshalb sagen uns Politiker: Lasst eure Ersparnisse auf der Bank, sie sind sicher. Richtig ist: Bei uns wird garantiert, dass wir auch bei Bankenpleiten an unser Erspartes kommen